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Der Standard: ASML ist der Konzern, von dem die Welt abhängig ist – Alexander Amon
Mit exklusiven Maschinen zur Herstellung von Hightech-Chips gerät das niederländische Unternehmen zunehmend in das Spannungsfeld zwischen USA und China

Im niederländischen Veldhoven, einem kleinen Vorort von Eindhoven, werden Maschinen gebaut, die rund 150 Millionen Euro kosten und mit drei Jumbo-Jets an Kunden wie Samsung oder den taiwanischen Chiphersteller TSMC geliefert werden. Die riesigen Zaubermaschinen von der Firma ASML sorgen dafür, dass hochkomplexe Chips immer kompakter und damit leistungsstärker gebaut werden können. Die Vormachtstellung auf diesem für die Weltwirtschaft so wichtigem Feld bringt das wohl wichtigste Tech-Unternehmen Europas mittlerweile auch politisch zunehmend unter Druck.

Alleinstellungsmerkmal

In dem Buch "Chip War" schrieb Chris Miller 2022, dass Mikrochips das neue Öl seien. Während der Zweite Weltkrieg noch vom Einsatz von Stahl und Aluminium abhängig gewesen sei, würde die nächste Phase der menschlichen Geschichte von Chips bestimmt werden.

Chips sind tatsächlich allgegenwärtig. Das Gerät, auf dem diese Zeilen geschrieben, aber auch in diesem Moment gelesen werden, hat mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit einen auf Silizium basierten Chip eingebaut. Auch moderne Autos, Grafikkarten, Windräder, aktuelles Kriegsgerät und vieles mehr funktionieren ohne solche Chips einfach nicht mehr. Produziert werden diese von Firmen, die man kennt. Samsung, Intel und sogar den taiwanischen Tech-Konzern TSMC sind mittlerweile allgemein geläufig. All diese Firmen können allerdings nur produzieren, wenn sie die dafür nötigen Maschinen aus der bereits erwähnten kleinen Stadt in den Niederlanden geliefert bekommen. Dieses Unternehmen heißt Advanced Semiconductor Materials Lithography, oder kurz ASML.

Das Produkt, das ASML herstellt, ermöglicht es Chipproduzenten wie TSMC, für Apple etwa die leistungsfähigen M2-Chips zu produzieren. Diese basieren auf dem fünf Nanometer Fertigungsprozess. Als Faustregel gilt: Je weniger Nanometer, desto leistungsstärker ist der Chip. Diese Feinarbeit in der Herstellung nennt sich Fotolithografie und wird einigermaßen verständlich auch auf der Website des Unternehmens erklärt. Die von ASLM hergestellte Maschine beleuchtet durch eine Schablone ein Silizium-Plättchen. Das eingesetzte Licht verändert den aufgebrachten Fotolack. Der scheibenförmige Wafer, das bearbeitete Halbleiterausgangsmaterial für die Chipproduktion, wird dann gebacken, die nichtbelichteten Teile werden präzise weggewaschen. Die daraus resultierenden Vierecke stellen jene Flächen dar, auf denen Milliarden Transistoren platziert werden.

Das für diesen Prozess nötige Licht ist "Extrem Ultraviolette Strahlung" (EUV), deren Einsatz nur wenige beherrschen. Das hat einen einfachen Grund. Bei ASML glaubte man bereits vor 25 Jahren an diese Technologie und forschte seitdem daran. Viele externe und interne Kritiker glaubten nicht an den Erfolg, doch das Unternehmen ließ sich nicht davon abbringen. Die Ausdauer wurde belohnt und katapultierte die niederländische Firma mit einem Alleinstellungsmerkmal an die Weltspitze. Die einzigen Konkurrenten in diesem Gebiet sind Nikon und Canon, doch verfügen diese nur über den Vorgängertechnologie DUV-Lithografie.

Wachstum

Sieht man sich den Aktienkurs des Unternehmens an, erkennt man vor allem im Jahr 2020 einen starken Anstieg. Schuld war die große Nachfrage an Chips, da viele Haushalte ihre Unterhaltungselektronik aufrüsteten. Die daraus resultierende Knappheit, die erst in den letzten Wochen eine gewisse Entspannung aufzeigt, zwang etwa die Autoindustrie, die Produktion zu drosseln; Grafikkarten und Konsolen waren in den letzten zwei Jahren teilweise gar nicht lieferbar.
ASML hat genau wie die Chiphersteller selbst von dieser Entwicklung profitiert. Mit einem Börsenwert von rund 263 Milliarden Dollar liegt das niederländische Tech-Unternehmen weltweit auf Platz 31. Mittlerweile hat man über 40.000 Mitarbeiter aus 143 Ländern und erwirtschaftete 2022 einen Umsatz von über 22 Milliarden Euro. 2020 lag dieser Wert noch bei 16,3 Milliarden. Tendenz weiter steigend. Laut ASML sind die Auftragsbücher voll. Man plane, in den nächsten Jahren das Produktionsvolumen sogar zu verdoppeln. Das ist allerdings nur möglich, wenn auch die Zulieferer in dieser Größenordnung ihr Volumen vergrößern. Die Nachfrage würde aufgrund bestehender Produkte, aber auch der rasanten Entwicklung in Sachen künstlicher Intelligenz weiterhin stark wachsen.

Dass diese wichtige Technologie auf nur wenigen Schultern lastet, hauptsächlich auf jenen von ASML, sieht man im Unternehmen naturgemäß wenig problematisch. Die Halbleiter-Industrie sei generell wichtig für die aktuelle und künftige Weltwirtschaft, heißt es aus dem Unternehmen.

Politisch

Welchen politischen Einfluss die Technologie von ASML hat, zeigen Aussagen der niederländischen Regierung im März 2023. Man wolle den Export von Halbleitertechnologie künftig einschränken, so ein Regierungssprecher. Dies geschehe aus Gründen der nationalen Sicherheit. Dem Schritt vorangegangen war ein Wunsch der USA, Technologieexporte nach China zu reduzieren oder sogar einzustellen. Das Ziel der Regierung in Washington ist es, Verbündete für ähnliche Restriktionen im Handel mit China zu finden, wie sie Oktober 2022 schon in den USA eingeführt wurden.

China zeigte sich von der Entscheidung der niederländischen Regierung verschnupft und reichte sogar in Den Haag Beschwerde gegen die formulierten Pläne ein. ASML lieferte schon zuletzt nicht ihre modernste Technologie nach China – dies ebenfalls wegen einer Intervention aus den USA. Dennoch lag der Umsatz 2022 von ASML allein in China bei rund 2,2 Milliarden Euro. Diesen Umsatz wolle man auch in diesem Jahr halten, wie eine Sprecherin des Unternehmens wissen lässt. Wie es danach mit dem Export in Richtung ferner Osten weitergeht, steht aktuell wohl noch in den Sternen.
Dennoch zeigt man sich bei ASML wenig eingeschüchtert durch den politischen Einfluss. In einem Statement lässt das Unternehmen vorsorglich wissen, dass man für mehrere Jahre ausgebucht sei und als alleiniger Lieferant für eine der fortschrittlichsten Belichtungsmaschinen der Welt genügend Abnehmer habe. Stillstand kennt man in Veldhoven nicht, schließlich handle es sich um ein sehr dynamisches Feld.

An der aktuellen, so einzigartigen EUV-Technologie hat man rund 25 Jahre geforscht – dieser Tage testet man den Nachfolger: High-NA. Eine Sprecherin verrät, dass die erste Maschine dieser Art in diesen Wochen zusammengebaut wird. Diese wird noch größer sein und rund 350 Millionen Euro kosten. Die ersten Bestellungen für diese Technologie seien bereits eingetrudelt, auch wenn die erste Lieferung wohl frühestens 2025 möglich sei. Man plane bei ASML – wie schon in der Vergangenheit – langfristig.